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Mathetik

  • Mathetik betrachtet schulisches Lernen aus dem Blickwinkel des Schülers und charakterisiert das Verhältnis zwischen Lehrperson und Lernenden als ‚symmetrisch‘ und ‚herrschaftsfrei‘. Das bedeutet, Schüler und Lehrperson stehen auf einer Ebene. Die Lehrperson ist nicht ‚Herr‘ des Lernenden, sondern Lernberater und helfender Erzieher.
  • Mathetik - verstanden als Gegenpol zur (lehrerorientierten) Didaktik - schließt das unterrichtliche Voranschreiten vom ‚konkreten‘ hin zum ‚formalen Operieren‘ ein. Sie relativiert die in der ‚Lernziel-orientierten Didaktik‘ betonte, dezidierte Evaluation dahingehend, dass eine punktgenaue ‚Lernzielkontrolle‘ häufig nicht möglich und sinnvoll ist.
  • Mathetik impliziert das ‚konstruktivistische‘ Verständnis von Lernen, das dieses als aktiven, selbst-organisierenden Prozess versteht, bei dem die je eigenen ‚Wirklichkeiten‘ des Individuums von diesem ‚konstruiert‘ werden.
  • Mathetik bezieht darüber hinaus die ‚ganzheitliche‘ Sichtweise des Schülers mit ein. Dabei greift der im vorliegenden Zusammenhang unterschiedlich belastete Begriff der ‚Ganzheitlichkeit‘ auf die Ganzheitstheorie zurück, die im Sinne einer humanistischen Persönlichkeitstheorie zu verstehen ist. Sie sieht jede einzelne Handlung des Menschen im Zusammenhang mit seiner Gesamtpersönlichkeit und erkennt alle Erfahrungen, die er mit sich und seiner Umwelt macht, als umfassendes Erleben und integratives Zusammenwirken.

Zusammengefasst wendet sich Mathetik beispielsweise gegen eine technisierte Unterrichtsvorbereitung und gegen ein lehrerzentriertes ‚Durchziehen‘ des Unterrichts am Schüler vorbei. Sie postuliert, immer wieder einen Perspektivewechsel vorzunehmen und das bewusste, strukturierte Lehren im Unterricht stets neu, ‚ganzheitlich‘ vom Lernen des Schülers aus zu betrachten, das - wie genannt - ‚konstruktivistisch‘ geprägt erscheint. Daraus folgt für die Lehrperson, sich einem relativistischen Standpunkt zu verpflichten und zu einer Haltung aufgefordert zu sein, welche die eigenen Beurteilungen stets in Frage stellt. In der Konsequenz heißt das, Lehren vor allem als strukturiertes, umfassendes Angebot an den Lernenden zu sehen, das nicht nur auf der Inhalts-, sondern auch auf der Beziehungsebene abläuft. Damit beinhaltet es einerseits das Lernen selbst und spricht andererseits nicht nur die Kognition, sondern auch Emotion, Motivation und Volition (Willen) des Lernenden an.

 

Was bedeutet "Didaktik" und "Mathetik"?

Text von Michael A. Anton

 


Didaktik und Mathetik sind die Wissenschaften vom Lehren und Lernen. Ihr Gegenstand ist die Beziehung zwischen Mensch und Information, einmal der Konsolidierung und ihrer Abgabe (Lehren) und zum anderen der Elaborierung und ihrer Annahme (Lernen). Unter der Vorgabe von Unterrichtszielen sind sie an der Auswahl der Fachinhalte, etwa für Lehrpläne, beteiligt. Sie liefern einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung einer modernen naturwissenschaftlichen Grundbildung. Beide bilden den institutionellen Ort, an dem moderne Gesellschaften die Natur fachunterrichtlicher Prozesse kritisch betrachten. Sie berücksichtigen und nutzen aktuelle Erkenntnisse aus der Pädagogischen Psychologie, der Neurophysiologie und Hirnforschung  („Neurodidaktik“) sowie der Kommunikations- und Kognitionspsychologie wie auch der Informationstechnologie.

Als Lehr- und Lernwissenschaft sind sie stets einer Fachwissenschaft beigeordnet. Sie wählen bedeutsame Inhalte aus und harmonisieren die fachwissenschaftlichen Ansprüche mit den Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie Bedürfnissen unterschiedlicher Adressatengruppen. Ziele, Inhalte, Orte, Formen und Methoden des Unterrichtens werden zu reproduzierbaren Unterrichtseinheiten aus Einzelstunden verbunden.

Ihre Untersuchungsobjekte sind die Planung, Durchführung und Analyse des Unterrichtens und Berichtens. Sie beschreiben den historischen Gang ihres Faches, begründen die Unterrichtsprinzipien und entwickeln Unterrichtsmodelle aus der Methodik. Die Didaktik und Mathetik eines Faches bilden die Berufswissenschaft des Lehrers und sind verbindlicher Teil der Aus- und Fortbildung von Lehrern. Auf dem Wege von Reflexion und Evaluation der Unterrichtsergebnisse leisten beide einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung von Lehrkompetenzen und damit zur Qualitätssicherung von Unterricht. Theoriegeleitete Praxiskontrolle und praxis-kontrollierte Theorieentwicklung dienen der Auflösung des Praxis-Theorie-Dilemmas in der Lehrerbildung.

Didaktik und Mathetik suchen nach objektivierbaren Regelhaftigkeiten innerhalb des Lehr-Lernprozesses, des Erziehens und des Sichbildens. Beide Wissenschaftsbereiche formulieren praxisrelevante Hypothesen. Diese überprüfen sie mit eigenen Forschungsziel ist der Erkenntnisgewinn zur kontinuierlichen Optimierung fachbezogener Ausbildung und allgemeiner Bildung in Schulen und ähnlichen Einrichtungen.

Die Ergebnisse lehrwissenschaftlicher Forschung dienen den Lehrern und allen, die sich die Vermittlung von fachwissenschaftlichen Aussagen und damit die Verbesserung der Urteils- und Argumentationsfähigkeit in einer emanzipierten Gesellschaft zur Aufgabe gemacht haben (Wissenschaftsjournalisten, Marketingfachleute, Politiker, Fachwissen-schaftler u.a.) und stehen der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Didaktik und Mathetik besitzen überdies eine politische Dimension, da sie wesentlich zur aufgeklärten Gleichberechtigung, und damit zur Entscheidungsfreiheit und –sicherheit der Mitglieder demokratischer Gesellschaften beitragen und einer Emotionalisierung sowie Radikalisierung nachhaltig entgegenwirken.